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    Falsche Akkorde

    Falsche Akkorde

    Berliner Senat muss Musikschullehrkräfte gleich behandeln
    Absurd: X meint Ja, Y sagt Nein

    Chris L. (Name geändert) ist Jazzgitarrist. Mit Leidenschaft spielt er in Bands, reist dafür auch bundesweit und international durch Clubs. Mit genauso großer Leidenschaft aber ist er Gitarrenlehrer. Schon während seines Musikstudiums begann er ab 1991 Jazzgitarre zu unterrichten. Seit seinem Abschluss 1996 war er als Honorarkraft an Berliner Musikschulen in arbeitnehmerähnlichem Status mit jeweils definierter Stundenzahl beschäftigt.

    Ein verlässlicher Lehrer, bei dem 10- bis 65-Jährige lernen, die E-Gitarre zu beherrschen. Und ein engagierter dazu, denn er kümmert sich auch um Ensemblespiel, Auftritte und begleitet seine Schützlinge bei der Studienvorbereitung. Kurz, er macht das, was auch Festangestellte tun.
    Nur in ungeschützter Position zu deutlich schlechteren Konditionen.

    Wie ihm geht es den meisten seiner Kolleginnen und Kollegen. Weil nur acht Prozent der Berliner Musikschullehrkräfte fest beschäftigt sind – ein bundesweit unterirdischer Durchschnitt – und es dazu über Jahre lautstarken Protest und klare Forderungen von Berufsverbänden und Gewerkschaft gab, sah sich der Senat gezwungen, sowohl Honorarverbesserungen als auch die Erhöhung von Festanstellungen auf 20 Prozent in seinen Haushalt aufzunehmen.

    Fachgruppe Musik der ver.di Berlin/Brandenburg Ch.v.Polentz | transitfoto.de Erfahrene Musikschullehrkräfte  – müssen auch so eingruppiert werden

    Chris L. nahm das Land beim Wort und bewarb sich auf eine feste Stelle bei der Musikschule Friedrichshain-Kreuzberg, an der er bereits seit 2009 unterrichtete – parallel zu seiner Honorartätigkeit an der Spandauer Musikschule. Mit Erfolg, seine Erfahrung, seine Professionalität gaben den Ausschlag. Er ist seit Dezember 2018 mit einer Dreiviertelstelle fest in Friedrichshain-Kreuzberg dabei. Und fiel bei der Unterzeichnung seines Vertrages mit dem Bezirksamt aus allen Wolken, als er seine Einstufung erfuhr: Erfahrungsstufe 1, geltend für Berufsanfänger.
    Ihm aber gebührt laut Tarifvertrag der Länder (TV-L) nach 22 Berufsjahren die Erfahrungsstufe 6 – ein Unterschied von monatlich mehr als 1.000 Euro.

    Das Land Berlin verfährt nicht einheitlich. Es geht Hü und Hott. Einige Bezirksämter erkennen vorherige berufliche Tätigkeiten auf Basis eines Honorarvertrages bei der Zuordnung an, andere nicht. Für sie zählt nur vorherige Festanstellung. Entschieden wird das von jeweils Zuständigen im Bezirksamt.

    »Es kann nicht sein, dass bei der einen Anstellung im Bezirk X an der Musikschule Y die Jahre der Honorartätigkeit mit einer höheren Entgeltstufe anerkannt wurden und damit die Spielräume üdes § 16 TV-L ausgeschöpft werden, im Bezirk Y an der Musikschule X aber grundsätzlich keine Jahre angerechnet werden sollen«, empört sich ver.di-Landesfachbereichsleiter Andreas Köhn. Weil auch Chris L. findet, dass hier »eindeutig falsche Akkorde gegriffen werden«, erhob er mit ver.di-Hilfe Klage. Er fordert seine Einordnung in die Entgeltstufe 6 und ein einheitliches Verfahren in allen Bezirken.

    Sein Schreiben an das Bezirksamt blieb unbeantwortet. Seine Klage, über die nach Drucklegung des Sprachrohrs entschieden wird, soll nun grundsätzliche Wirkung für alle neu fest angestellten Musikschullehrkräfte entfalten.
    Die ver.di-Landesfachgruppe Musik forderte betroffene Kolleginnen und Kollegen auf, zur Eingruppierung Musterschreiben einzureichen (siehe hier).

    ver.di-Rechtssekretär Norbert Lippok, der die Klage vertritt, sieht den Grundsatz der Gleichbehandlung nach Artikel 3 Grundgesetz eindeutig verletzt. »Das Land Berlin ist Arbeitgeber und nicht das jeweilige Bezirksamt. Das Land muss dem Gleichheitsgrundsatz folgen und einheitliche Regelungen für die Arbeitsverträge nach TV-L an den Musikschulen vorgeben. Diese Verantwortung kann nicht den Bezirksämtern nach Gutdünken überlassen werden.«

    Und natürlich seien bei der Einordnung in Erfahrungsstufen die vorherigen, professionell ausgeübten Berufsjahre einer Honorarkraft anzuerkennen. Die Berliner Situation an den Musikschulen habe bislang den meisten gar keine andere Wahl als die Freiberuflichkeit gelassen. »Wird anders entschieden, werden wir in Berufung gehen«, kündigt Lippok an.

    Auch Chris L. wünscht Klarheit für sich und seine Kolleginnen und Kollegen. »Wir leisten hochqualifizierte Arbeit, und die ist entsprechend anzuerkennen.« Das finde übrigens auch seine Musikschulleitung, die mit der Einstufung durch das Bezirksamt absolut nicht einverstanden sei.

    Bettina Erdmann

    Aus SPRACHROHR 4/2019

    Fachbereich Medien, Kunst und Industrie Berlin-Brandenburg
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