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    Wir brauchen Präsenzunterricht!

    Wir brauchen Präsenzunterricht!

    Gemeinsamer Brief
    der ver.di Fachgruppe Musik Berlin/Brandenburg und der Landeslehrervertretung Berliner Musikschulen e.V.

    Senatsverwaltung für Kultur und Europa
    Herrn Senator Dr. Klaus Lederer
    Brunnenstr. 188-190
    10119 Berlin

    Sehr geehrter Herr Senator, lieber Dr. Klaus Lederer,

    es ist für uns schlicht nicht mehr nachvollziehbar, warum nunmehr seit Mitte Dezember an den Musikschulen überhaupt kein Unterricht mehr stattfindet und auch nach dem jüngsten Bund-Länder-Treffen keine Öffnung in Erwägung gezogen wird.

    Aus unserer Sicht müsste mindestens für den Einzelunterricht sofort wieder geöffnet werden und Kleingruppen-Unterricht, für den die Einhaltung von Abstands- und Hygieneregeln garantiert werden kann, sollte doch auch möglich sein. Die entsprechenden Hygiene-Konzepte sind mit viel Aufwand längst erstellt und bereits nach dem ersten Lockdown erfolgreich angewandt worden.

    Warum stellt Einzelunterricht an Musikschulen ein nicht zu verantwortendes Risiko dar, wenn zugleich

    • in den Kitas eingeschränkter Regelbetrieb in Gruppen stattfindet ,
    • in den Schulen eine »an das Infektionsgeschehen angepasste« Wiederaufnahme des Unterrichts stattfindet,
    • künstlerischer und sportpraktischer Unterricht an den Hochschulen in Präsenzform stattfindet, letzterer in Gruppen mit bis zu 25 (!) Personen,
    • im Dienstleistungsgewerbe im Bereich der Körperpflege das Arbeiten erlaubt ist (wo das Abstandhalten z.T. deutlich schwieriger sein dürfte?).

    Das signalisiert: Musikalische Bildung ist absolut nachrangig, ein Freizeitvergnügen, dessen Bedeutung deutlich hinter der gut sitzenden Frisur angesiedelt ist.

    Wir haben uns sehr bemüht, Überbrückungs-Angebote in unterschiedlichen Online-Formaten zu schaffen. Das funktionierte für eine gewisse Zeit – für einige Kolleginnen oder Kollegen mehr schlecht als recht, für andere sogar ganz gut, und es hat sicherlich auch den ein oder anderen digitalen Kompetenz-Schub verursacht.

    Aber: Ganz wesentliche Dinge, auf die es beim Musizieren ankommt, lassen sich nicht vermitteln ohne reale Resonanz, ohne Schwingungen im Raum und zwischen Menschen. Nicht nur unsere Schülerinnen und Schüler sind inzwischen absolut digital-müde – wir sind es auch, nach drei Monaten kontaktlosem Kontakt, in dem wir uns sehr um die Aufrechterhaltung der Motivation bemüht haben.

    Wir Lehrkräfte und unsere Schülerinnen und Schüler brauchen den Präsenzunterricht!

    Abgesehen von diesen in der künstlerisch-pädagogischen Sache liegenden Gründen gibt es für etliche der Honorarkräfte an den Musikschulen ein weiteres massives Problem: die materielle Existenzgrundlage ist massiv gefährdet bzw. weggebrochen. Denn es gibt keine gesicherte Zahlung von Ausfallhonoraren für Unterricht, der nicht in digitalem Format gegeben werden kann, weil Schüler*innen bzw. deren Eltern dies ablehnen.

    Die Honorarkräfte sind hier völlig abhängig von der Einschätzung und Auslegung der Musikschulleitungen bezüglich der Fragen, ob bzw. in welchen Fällen eine Verpflichtung zum Nachholen besteht, bis wann und in welchem Umfang ein Nachholen möglich ist, in welchem Zeitraum (bis zu 8 Wochen!) nach dem jeweiligen Ausfall gegebenenfalls ein Ausfallhonorar gezahlt wird usw. Das sind unerträgliche, entwürdigende feudalistische Zustände.

    Wir wollen in keiner Weise die Corona-Gefahr herunterspielen oder die Notwendigkeit vorsichtigen Handelns bestreiten, aber: Der Schaden, den die weiter andauernde Schließung anrichtet, ist aus unserer Sicht im Verhältnis zum Risiko unverhältnismäßig hoch. Schülerinnen und Schüler wandern ab, neue können nicht aufgenommen werden (denn niemand beginnt mit seinem Instrumentalunterricht online, aus gutem Grund), und viele Lehrkräfte kehren in Ermangelung einer Existenzgrundlage der Musikschule den Rücken, unterrichten privat, erwägen den Quereinstieg in den Schuldienst oder suchen sich gänzlich andere Betätigungsfelder.

    So gehen die Musikschulen kaputt.
    Wir bitten Sie nachdrücklich: Sorgen Sie dafür, dass das nicht passiert!


    Mit freundlichen Grüßen

    Annette Breitsprecher                 Dirk Strakhof
    Vorsitzende der ver.di                 Landes-Lehrervertretung der
    Fachgruppe Musik                      Berliner Musikschulen e.V.

    Der gemeinsame Brief ...

    Fachgruppe Musik der ver.di Berlin/Brandenburg
    © ver.di

    ... vom 9. März 2021
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