Freiberufler

    Materialien

    Materialien

    Die wirtschaftlichen Umstände der Honorarbeschäftigten an den Musikschulen wird immer bedrückender und prekärer (siehe ver.di Umfrage von 2017). Auch die drohende und schon stattfindende Altersarmut der »Freien« trotz jahrzehntelanger (Mehr-) Arbeit im Vergleich zu den festangestellten Musikschulehrerinnen/-lehrer macht betroffen.

    Diese Materialsammlung, die natürlich nie als abschlossen gelten kann, ergibt sich aus jahrelanger Arbeit mit dem The­ma durch ver.di. Sie richtet sich an Kolleginnen und Kollegen, die ihre Situation als ungerecht empfinden und gemeinsam etwas tun wollen. Als Ideen-Samm­lung und Beispiele für zielgerichtetes Handeln und Argumentieren vor Ort sollen die Materialien helfen, die Problematik der prekär Beschäftigten positiv zu verändern.

    • Zahlen und Fakten

      Umrechnung der Entgelte für Honorarkräfte nach TVöD Gemeinden, EG9b, bei 33 Wochenstunden und 39 Jahresarbeitswochenstunden (Stand ab 1. April 2019)

      Umrechnungstabelle Entgelte ver.di Umrechnungstabelle Entgelte

      Freie Mitarbeiter haben keine:

      • Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
      • Betriebliche Altersversorgung
      • Feiertagslohnfortzahlung
      • Mutterschutz
      • Bildungsurlaub
      • Personalvertretung (bedingt in NRW & Baden-Württemberg)
      • Kündigungsschutz
      • Arbeitslosenversicherung
      • Vermögensbildende Unterstützung durch den Arbeitgeber
      • Vorzüge des öffentlichen Dienst wie verbilligte Autoversicherung
    • Was sind die Ziele der Fachgruppe Musik?

      1) Vertragsveränderung

      → soziale Mindeststandards (arbeitnehmerähnlich)

      → Übernahme in ein ordentliches Arbeitsverhältnis

      2) Honorarerhöhung

    • Wer sind die Ansprechpartner und Entscheidungsträger?

      1) Kommunale Musikschulen

      → Gemeinderäte/Bürgermeister/Kämmerer

      2) e.V. Musikschulen

      → Vereinsvorstand  

    • Verbündete

      • ver.di

      • Eltern, Elternbeiräte

      • Fördervereine

      • Journalistinnen und Journalisten → oft prekär beschäftigt (frei) und Mitglieder der gleichen Fachgruppe 8 in ver.di

      • Festangestellte (Solidarität einfordern) → ver.di Betriebsgruppe (gründen!)

      • Personalrat, in NRW & BW u.U. auch für die „Freien“ zuständig → Personalvertretungsgesetz

      • Betriebsrat (Gründung mit Hilfe von ver.di)

      • DTKV (Deutscher Tonkünstler Verband)
    • Argumente für Festanstellungen

      • Höhere Bindung und Engagement der Lehrkräfte für die Musikschule

      • Weisungsbefugnis an die Lehrkräfte

      • Höhere Einbindung der Lehrkräfte in den betrieblichen Ablauf

      • Im Krankheitsfall → Schwierigkeiten bei Organisation und Kontinuität

      • Keine hohe Fluktuation der Lehrkräfte

      • Rechtliche Lage (im Hinblick auf die Ganztagsschule) bei Un­fällen → Haftung

      • Weitere Argumente findet man gesammelt im Stuttgarter Appell des VDM
    • Handlungsoptionen

      Freien Musiklehrerinnen/-lehrer sollte klar sein, dass sie »nur« für das Unterrichten bezahlt werden und für jedwede Zusatztätigkeit extra entlohnt werden müssten, wie z.B. Betreuung und Mehrarbeit bei Wettbewerben, Teilnahme an Konferenzen und Mitwirkung bei Konzerten der Musikschule, insbesondere die bei Politikern so beliebten Veranstaltungen zur Integration und Städtepartnerschaf­ten. Leider ist dem nicht so, deswegen ist die allererste Hand­lungsoption: »Dienst nach Vertrag«

      Betroffenheit durch Gespräche bei den Entscheidungsträgern schaffen (denn sie wissen oft nicht was sie tun), d.h. durch Infos und Vergleiche, z.B.:

      Betroffenheit über das nicht bezahlte Honorar im Krankheitsfall (sozialer Mindeststandard) während die Eltern weiterzahlen (Berei­cherung der Musikschule?) und /oder Unterricht im Krankheitsfall (Ansteckungsgefahr)

      • Wer trotz Krankheit unterrichtet, verstößt unter Umständen gegen das IfSG (Infektionsschutzgesetz vom1.1.2001) §33 und §34 (Im übrigen steht darin, dass der Arbeitgeber verpflichtet ist, alle 2 Jahre eine Belehrung durchzuführen)

      Gespräche mit den Gemeinderatsfraktionen bei deren Bürger­sprechstunden

      Runde Tische (Fachgruppe Musik)

      Öffentlichkeit schaffen durch Aktionen, wie z.B. Konzerte etc.

      Presse einbinden → Pressekonferenzen → Pressemitteilungen → Leserbriefaktionen*

      Flugblattaktionen (z.B. wie „Gelbe Karte für Jenakultur“)

      Konzertierte Aktionen mit anderen Kulturschaffenden

      Konzerte

      Unterschriftaktionen

      Demos

    • Angst

      Verlust des Arbeitsplatzes/Kündigung → nur solidarisch, nie als Einzelner agieren → bei kleinen Schritten (Aktionen) ist die Hemmschwelle niedriger sich daran zu beteiligen → Spass und eine gemeinsame Erfahrung schaffen → eine Gewöhnung an gewerkschaftliche Aktionen erfolgt

      Persönlich → Selbsterforschung und Angstbewältigung → goldene Regeln gegen Angst:

      Die in manchen Arbeitsverträgen stehende Untersagung, seine Schüler nach einer Kündigung privat weiter zu unterrichten, ist unwirksam

      Sprecher einer Initiative sind schwieriger zu kündigen, da er/sie in der Öffentlichkeit steht
      (Auszug »Wie wir gemeinsam aus Angst Mut machen können«, Kapitel 5, Seite 65ff, ver.di Handel ISBN: 978-3-00-021746-3)

      »Wer kämpft kann verlieren, und wer nicht kämpft hat schon verloren« – B. Brecht

    • Erfahrungsberichte

      Anfang der neunziger Jahre erreichten die Kolleginnen und Kollegen der Reutlinger Musikschule durch eine Pressekonferenz und massiven Leserbriefen in der örtlichen Presse eine deutliche Erhöhung ihrer Honorare. Von den etwa 100 freien Lehrkräften waren 10 gewerkschaftlich organisiert und konnten noch ca. 20 weitere zu dieser Aktion mobilisieren.

      Leverkusen (2016): Das Verhältnis von Festangestellten zu Honorarkräften 80 Prozent zu 20 Prozent sollte umgekehrt werden. Durch Protestaktionen, jeden Samstag Vormittag, 3 Monate lang, mit solidarischen Beiträgen anderer Kulturschaffenden, konnte dies abgewendet werden. Beispiele der Aktionen:

      • Kulturzug mit 30 Bands und anderen Musikgruppen durch die Innenstadt; »Schuh-In-Aktion« auf dem Rathausplatz, 3.000 Paar Schuhe symbolisierten die Zahl der Musikschulschüler; 45 Noten­ständer vor dem Rathaus, ein Kollege dirigierte ein Orchester, das nicht existent war, Symbol für die Zukunft der Musikschule.

      Eine sehr umfangreiche Dokumentation über die Situation der Honorarkräfte haben die Kolleginnen/Kollegen der Rheinischen Musikschule erstellt.