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    Eigentlich?

    Eigentlich?

    Musikhonorarkräfte sollten sich wehren

    Ein Kommentar von Thomas Wagner

    Eigentlich sollte meinem Kollegen der Geduldsfaden reißen ob so viel Ungerechtigkeit. Beschäftigt seit 2004 als Honorarkraft an einer schwäbischen Musikschule mit 16 Wochenstunden (früher mal 25 Stunden), müsste er anstatt der 27 Euro, verglichen mit den festangestellten Lehrerinnen/Lehrern, immerhin 36,68 Euro pro Stunde verdienen (TVöD, Gr.9, Stufe 5).
    Von den nicht geleisteten Sozialstandards wie Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, betriebliche Altersversorgung, Kündigungsschutz usw. mal abgesehen.

    Spitzweg, Der arme Poet (bearbeitet) | ver.di Fachgruppe Musik Carl Spitzweg, Der arme Poet (bearbeitet)  – »Nach wie vor existiert ein unseliger Mythos vom armen, aber zufriedenen Musiker, der sich mit Privatstunden über Wasser hält« (SDZ 6/06: Musiker, Schauspieler und Maler verdienen kaum genug zum Leben und sind dennoch nicht unzufrieden …)

    Eigentlich sollte man sich mit den anderen »Freien« solidarisieren und Aktionen starten und sich jedwede zusätzliche Leistung honorieren lassen (macht jeder Handwerker)!
    Stattdessen ist leichte Resignation spürbar. Sorgen und Ängste bestimmen das Arbeitsleben vieler Honorarkräfte: nicht längerfristig krank zu werden, denn die KSK zahlt erst ab dem
    43. Krankheitstag; bekommt man im nächsten Semester noch genug neue Schüler? Und an die Rente will keiner denken. Bleibt genug Geld übrig, um eine zusätzliche Altersversorgung abzuschließen? Kaum!

    Ja, und die Angst, sich überhaupt zu wehren – man ist sofort kündbar oder erhält keinen neuen Arbeitsvertrag.
    Und eigentlich sollte man es gerade deswegen tun!

    Denn ein Hoffnungsschimmer ist das jüngste Beispiel aus Aachen, wo Gemeinderatsfraktionen in einem Antrag die Umwandlung von freien zu festen Stellen (TVöD) an der städtischen Musikschule beschlossen haben. Vielleicht ist es hier auch nur die Furcht vor sozialversicherungsrechtlichen Statusklagen? Besonders wird in der Begründung das Weisungsrecht der Musikschulleitung in den Vordergrund gestellt.
    Eigentlich unterliegen Honorarkräfte keinerlei Weisungsbefugnis. Seltsam mutet da der Mustervertrag des DTKV an, in dem gerade dies ausgeklammert werden soll. Unterschreibt man solch einen Vertrag, kann man sich jede Statusklage ersparen.

    Eigentlich wird angesichts der wachsenden Zahl von Honorarkräften an Musikschulen (ver.di-Umfrage 2012) und der schwieriger zu bewältigenden Arbeit durch den zukünftigen Ausbau der Ganztagsschule (geteilte Dienste und unbezahlte Fahrten zu verschiedenen Unterrichtsorten) der Idealismus von Musikschulkräften überstrapaziert. Müsste man nicht genug haben vom Tagelöhnerdasein im Bildungsbereich?

    Vielleicht ist Musik, wie Stefan Lindemann in seinem wunderbaren Artikel »Wie wichtig ist Musik« in der nmz (April bis Juni 2015) in seinem Fazit schreibt, wirklich nur ein schönes Hobby?

    Und ist dann eigentlich auch die Arbeit an einer Musikschule nur ein schönes Hobby?

    aus: KUNSTUNDKULTUR 3/2015