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    Selfies helfen

    Selfies helfen

    An den Musikschulen muss sich was ändern!

    Interview mit Dr. Hubert Kolland, Präsident des Landesmusikrates Berlin, zur Postkartenaktion, der Situation an den Musikschulen und den Wahlforderungen.

    Nur sieben Prozent der Berliner Musikschullehrkräfte sind fest angestellt – zehnmal weniger als im Bundesdurchschnitt. 93 Prozent arbeiten auf Honorarbasis. Dieses Missverhältnis muss sich ändern!

    Forderungsplakat des Musikrat Berlin | ver.di Fachgruppe Musik Berlin/Brandenburg Musikrat Berlin Festanstellungen!  – Forderung

    Die ungewöhnliche Idee, sich mit einer Forderungskarte des Landesmusikrates fotografieren zu lassen und diese Fotos zu posten, fand große Resonanz. Wie kam es dazu?
    DR. HUBERT KOLLAND: Wir wollten medienaffin auf das seit Jahren bestehende eklatante Missverhältnis zwischen festangestellten und auf Honorarbasis arbeitenden Musikschullehrkräften aufmerksam machen. Denn wir bilden das absolute Schlusslicht in der Bundesrepublik. Trotz enormer Anstrengungen und zahlreicher Aktionen mit vielen Verbündeten, diesem strukturellen Missstand abzuhelfen, hat sich nicht viel getan. Die Fotoaktion – für die Gleichgesinnte aus Politik und Gesellschaft, Gewerkschaften und Verbänden angesprochen wurden – bedient sich der Lust an Selfies, auch wenn die wenigsten Fotos echte Selfies sind. Sie wurde gut angenommen und bringt Bewegung in die Sache.

    Was wird gefordert?
    KOLLAND: Wir wollen in einem ersten Schritt mindestens 20 Prozent Festanstellungen für Musikschullehrkräfte erreichen. Denn – ohne den hochqualifizierten Honorarkräften ihr Können abzusprechen: Nur mit einer ausreichenden Zahl fest angestellter Lehrkräfte lassen sich alle Aufgaben einer Musikschule meistern, z.B. die qualitative Weiterentwicklung des Unterrichts, die Kooperation mit Kitas und allgemeinbildenden Schulen oder Hilfe bei der Integration Geflüchteter. Bereits im reformorientierten Abschlussbericht, den 2008 der damalige Bildungssenator Zöllner in Auftrag gab, wurden dafür mehr Festanstellungen und eine gesamtstädtische Steuerung gefordert. Doch die Umsetzung steht bis heute aus. 2013 im Landeshaushalt bewilligte Gelder versickerten in anderen Musikschulbereichen, da sie nicht eindeutig für Festanstellungen ausgewiesen waren.

    Wie stehen die Parteien jetzt dazu?
    KOLLAND: Nun, in Wahlkampfzeiten wird viel versprochen. Aber: Die maßgeblichen Parteien haben erstmalig die deutliche Ausweitung der Festanstellung in ihren Wahlprogrammen verankert. So fordert DIE LINKE perspektivisch 75 Prozent und damit den bundesweiten Durchschnitt, die SPD mindestens 20 Prozent und die CDU will Festanstellungen massiv ausweiten. Bündnis 90/Grüne fordern ebenso deren Erhöhung und zusätzlich Tarifverträge für verbleibende Honorarkräfte. Wir wollen, dass diese Aussagen nach der Wahl in die Koalitionsvereinbarung einfließen. Und dass damit Ernst gemacht wird. Wir lassen nicht locker und spielen immer wieder zum Thema auf.

    Das Interview führte Bettina Erdmann
    aus: SPRACHROHR 3/2016, Seite 1

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