Nachrichten

    Gammel-Geld

    Gammel-Geld

    Ein Berliner Trauerspiel:
    Wer geht mit nach Rummelskirchen, wo die siebzehn Bauern saßen und die achtzehn Schinken aßen

    Darstellung eines Schinkens Braasch Schinken

    Als einen der Renner aus dem Anfangsunterricht am Klavier erinnern sich die meisten meiner Schüler an das »Lied von den siebzehn Bauern«. Denn alle Erstklässler begreifen die thematische Brisanz sofort und entwerfen mit leuchtenden Augen oft sehr interessante und zugegeben nicht immer gewaltfreie Lösungsansätze.

    Zwar sind es in Berlin nur zwölf Bauern (sprich: Musikschulen), und der achtzehnte Schinken heißt »2,5 Millionen Euro on top in 2014 und 2015«. Aber die seitdem entbrannte Diskussion um deren Verteilung offenbart nicht weniger Komik als es das Lied auch weniger phantasiebegabten Menschen anbietet.

    Zur Erinnerung: In Berlin wird der Unterricht zu weit mehr als 90 Prozent von Honorarkräften erteilt. Über deren prekäre Situation ist bundesweit berichtet worden. Deshalb kämpfen die Musikschulen seit Jahren um die Schaffung von wesentlich mehr Stellen. So gesehen sind 2,5 Mio. zwar immer noch sehr wenig, aber immerhin.

    Und was passiert? Gleich nach dem Beschluss im Dezember 2013 wirft die Senatsbildungsverwaltung zum Auftakt erst einmal eine Nebelkerze: Die Volkshochschulen seien an dem Kuchen zu beteiligen. Davon steht im Haushaltsbeschluss kein Wort! Wohl aber eröffnet er die Möglichkeit, so dringend benötigte Stellen in den Musikschulen zu schaffen. Wegen der harten Personalkürzungsauflagen haben die Bezirke jedoch wissen lassen, dass diese Mittel nur für Unterrichtshonorare ausgegeben werden dürfen. Aus der Gerüchteküche ist nun zu hören, dass der Finanzsenator vielleicht doch den Bezirken erlauben wird, zusätzliche, auf zu nächst zwei Jahre befristete Stellen zu schaffen.

    Zwei Jahre? Selbst wenn sofort Stellen geschaffen werden sollten, dauert es erfahrungsgemäß einige Monate bis zur tatsächlichen Besetzung. Die Aussicht, dass die Mittel mindestens 2014 nicht mehr zum Einsatz kommen, ist sehr real.
    Fazit: Nicht jedes Kind hat spontan eine tragfähige Lösung für den achtzehnten Schinken parat. Aber keines kam je auf die Idee, das gute Stück einfach vergammeln zu lassen.

    Stefan Gretsch
    Bundesvorsitzender der Fachgruppe Musik in ver.di

    ----------
    veröffentlicht in kunst+kultur 3/2014