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    Es geht bergab mit der Musik

    Es geht bergab mit der Musik

    Sie sind wieder da. Trotz scharfem Wind und verhangenem Novemberhimmel. Nicht mit Pauken und Trompeten, sondern unterstützt von leisen Gitarrenklängen wollen sie ihre Botschaft an Staatssekretär Mark Rackles loswerden.

    ver.di Fachgruppe Musik Berlin, Unterschriftenübergabe am 14. November 2014 Christian von Polentz Übergabe der Unterschriften  – vor der Senatsverwaltung

    Die etwa 30 Musikschullehrer und -lehrerinnen, die sich am
    14. November 2014 vor der Bildungssenatsverwaltung in Berlin-Mitte versammelt haben, sind enttäuscht von dem SPD-Mann. Denn vor gut einem Jahr wurden den über 1.800 freien Musikschullehrkräften in Berlin neue Honorarverträge aufgedrängt, die erhebliche Verschlechterungen für die freiberuflichen Lehrer und Lehrerinnen enthalten. Um erneut auf die Missstände hinzuweisen, haben die Lehrkräfte mehrere tausend Unterschriften gesammelt, die sie dem Staatssekretär heute überreichen wollen. Doch Mark Rackles erscheint nicht persönlich. Die mit roten Schleifen zu einem Paket verschnürten Unterschriften nimmt sein Referent Michael Schwan freundlich lächelnd entgegen. Einen Kommentar aber will Herr Schwan heute lieber nicht abgeben.

    Im Durchschnitt nur 1.044 Euro brutto

    Die einschneidenste Veränderung im neuen Honorarvertrag ist die Umstellung von einer monatlichen Pauschalsumme auf die sogenannte Einzelstundenabrechnung. Durch dieses Verfahren fällt für die Honorarkräfte nicht nur zusätzliche Papierarbeit an. Vielmehr müssen sie auch einen Verlust von effektiv 3 Prozent ihres Verdienstes in Kauf nehmen. Und dabei gehören die Berliner Musikschullehrer/innen schon zu den Geringverdienern.
    1.044 Euro brutto verdienen die Honorarkräfte an kommunalen Musikschulen im Durchschnitt mit einer Vollzeit-Beschäftigung. Das ergab eine ver.di-Umfrage. Auch soziale Standards umgeht der neue Honorarvertrag. Der fehlende Mutterschutz wird genauso scharf kritisiert wie die große Planungsunsicherheit für die Beschäftigten.

    Ihre Forderung nach einem Tarifvertrag und einer Grundeingruppierung von Lehrkräften an Musikschulen in die Entgeltgruppe 11 des Öffentlichen Dienstes wissen die Musikschullehrerinnen/-lehrer in Szene zu setzen. Unter den neugierigen Blicken von Passanten inszenieren sie vor der Senatsverwaltung ein kleines Theaterstück. Und hier kommt Staatssekretär Mark Rackles symbolisch dann doch noch zu Wort. Aber außer Altbekanntem hat er nicht viel zu sagen...

    ver.di Fachgruppe Musik Berlin, Unterschriftenübergabe am 14. November 2014 Christian von Polentz Monika Stocksmeier  – Musikschullehrerin

    Monika Stocksmeier, 51, seit über 25 Jahren Musikschullehrerin für klassisches Klavier und Rock-/Pop-Band-Coaching in Berlin: »Der neue Honorarvertrag hat erhebliche Auswirkungen auf mein Leben. Denn durch die unregelmäßigen Zahlungen, zum Beispiel in Ferienzeiten, bin ich nicht mehr kreditwürdig. Ich kann nicht mehr einfach so eine neue Wohnung anmieten oder einen Kredit beantragen. Man rutscht in einen ganz anderen Status...«

    ver.di Fachgruppe Musik Berlin, Unterschriftenübergabe am 14. November 2014 Christian von Polentz Jan Hoppenstedt  – Musikschullehrer

    Jan Hoppenstedt, 35, Musikschullehrer für Gitarre und Bass: »Die Einzelstundenabrechnung im neuen Honorarvertrag ist eine unglaubliche Hürde. Besonders die Kleinteiligkeit der Abrechnung und der ganze Papierkram ist problematisch. Jede Minute muss dokumentiert werden. Manchmal verzichte ich deswegen schon darauf, alles was ich mache, auch wirklich abzurechnen.«

    ver.di Fachgruppe Musik Berlin, Unterschriftenübergabe am 14. November 2014 Christian von Polentz François Galvani  – Saxophon-Lehrer

    François Galvani, 63, seit 1982 Saxophon-Lehrer an Berliner Musikschulen: »Für mich ergibt sich ein echter finanzieller Verlust durch den neuen Honorarvertrag. Im Oktober waren zwei Wochen Ferien, da habe ich 500 Euro weniger verdient als früher. Denn beim alten Vertrag haben wir eine monatliche Pauschale bekommen. Auch jetzt zahlen die Eltern für den Musikunterricht ihrer Kinder ja jeden Monat die gleiche Summe, egal ob Ferien sind oder nicht, aber wir bekommen das Geld nicht mehr. Ich lebe jetzt sparsamer, aber das ist keine Lösung.«

    ver.di Fachgruppe Musik Berlin, Unterschriftenübergabe am 14. November 2014 Christian von Polentz Franziska Kreuzer  – Musikschullehrerin

    Franziska Kreuzer, 34, Musikschullehrerin für Gitarre, Laute und musikalische Früherziehung: »Es gibt viele Kollegen, die jetzt in den Ferien an der Supermarktkasse sitzen, Fahrradtaxi fahren oder andere Nebenjobs machen, um die Ausfälle in den Ferienzeiten zu kompensieren.«

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    Quelle:
    ver.di-Innternet | Geld und Tarif | Niedriglohn, Prekariat, arm